Renner, Sdun (Cézanne)

Ausstellung

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6. April–25. Mai 2014

Volker Renner / Cézanne / Hohenlockstedt
Nora Sdun

Diese Fotos von hochgereckten Händen wurden während der Proben zum Eurovision Song-Contest 2011 gemacht. Ein dem Wahnsinn zugeneigter Blogger beauftragte den Fotografen Volker Renner damit, die Proben zur Veranstaltung zu Fotografieren. Nach absolviertem Job, bestimmte Volker Renner dann diese Ausschnitte der Fotos die heute hier zu sehen sind und übrigens auch in einem Bilderbuch, was hier irgendwo liegt und zu erwerben ist.
Diese Abbildungen verlassen damit den Bereich der Auftragsarbeit. Es handelt sich also nicht nur um eine Weiterverwertung bereits bestehenden Materials, sondern vermutlich auch um eine Methode den traumatischen Begebenheiten einer solchen Songcontest-, Hysterie- und Größenwahnveranstaltung, Herr zu werden.

„Ausdruck entkräftet die Macht des Impulses“, schreibt Adorno, und tatsächlich kreischen Tausende auch auf diesen Song-Contest-Konzerten und reißen ihre Hände in die Luft. Diese unmittelbare, bei wahrer Empathie schwer zu kontrollierende Geste, wird im Showbusiness routiniert und völlig kontrolliert zum Einsatz gebracht, als selbstverständliches aber völlig hohles Zeichen der Begeisterung. Es funktioniert, bei aller Hohlheit, trotzdem. Es wird geprobt. Eine stramme Choreografie von Fingerspreizungen, Handgelenkswinkeln und nicht zu vergessen Arm und Schulter Haltungen müssen dargeboten werden.
Dabei reicht die Ausdruckspalette von der kämpferisch geballten Faust, über Victory-Vs, allerlei Geheimzeichen, Hang-Loose, Devils Horns, bis zum Balinesischen Tempeltanz. Die Faust, auch als Kommunistenfaust bekannt, wird im Pop-Kontext üblicherweise eingesetzt wenn von Freiheit oder Gerechtigkeit gesungen wird. Devils Horns kommen vor allem bei Metall-Gruppen zum Einsatz, … was soll ich sagen, ich kenne mich nicht aus.
Entscheidend ist lediglich, dass die Sänger einzelnd oder als Gruppe, diese Gesten in enger Absprache verwenden, so dass nicht einer im Team eine rasende Widerstandsfaust ballt wenn der andere gerade zum elegischen Schwanengesang anhebt.
Bemerkenswert an diesen Bildausschnitten ist, wie geistvoll diese Hände auf den ersten Blick scheinen, irgendwie sinnerfüllt, inspiriert (Schiller hatte ja angeblich faule Äpfel in der Schreibtischschublade liegen um sich von dem Geruch inspirieren zu lassen) … also geistvoll sehen diese Hände aus, obwohl man weiß, dass es erstens: eine Probe ist (Volker Renner Fotografierte ja nicht beim entscheidenden Kampfsingen sondern zuvor), und zweitens: dass es absichtliche, kontrollierte Gesten sind, die vor allem theatralischen Kriterien genügen müssen.
Es herrscht Ausdruckszwang.
Singen allein reicht nicht und ist für Bilder ohnehin uninteressant.
Also: Starke Expression ist gefragt, die penetrant und aggressiv zur Geltung gebracht wird dabei aber sonderbar überlegt und berechnend ist. Woher kennt man das? Aus manieristischen Kunstwerken aller Epochen.
Der Manierismus versammelt eine ganze Menagerie von Paradoxien. Die Sehnsucht nach etwas Durchgeistigtem bei gleichzeitiger Starrheit, ist nur einer dieser Widersprüche, und der lässt sich getrost auch den Teilnehmern des Song-Contest unterstellen, das zeigen die einzelnen Hände vielleicht noch deutlicher als es eine Aufnahme des Ganzen Starkörpers zeigen könnte.
Irgendeine herbeiphantasierte Erfüllung und sinnliche Gewissheit ist angepeilt, während man in einer immer gleichlaufenden, ausgesprochen profitorientierten Maschine versucht Karriere zu machen, und zwar indem man versucht so Stereotyp zu sein wie möglich. Das ist natürlich herzzerreißend widersprüchlich.
Ähnlich herzzerreißend liest sich ein Brief von Rainer Maria Rilke an seine Frau Clara Rilke, der er 1907 beschrieb wie Cézanne seiner Meinung nach arbeitete:

„Dieses Aufbrauchen der Liebe in anonymer Arbeit; woraus so reine Dinge entstehen, ist vielleicht noch keinem so völlig gelungen wie dem Alten (also Cézanne); seine mißtrauisch und mürrisch gewordene innere Natur unterstützte ihn darin. Er hätte gewiß keinem Menschen mehr seine Liebe gezeigt, so er eine hätte fassen müssen; aber mit dieser Anlage, die durch seine abgesonderte Wunderlichkeit ganz ausentwickelt worden war, wandte er sich nun auch an die Natur und wußte seine Liebe zu jedem Apfel zu verbeißen und in dem gemalten Apfel unterzubringen für immer.“

Man muss sich hier einen mürrischen Mann vorstellen, der für den sozialen Umgang ganz untauglich geworden ist und selbst die Dinge und die Natur nicht zu schätzen scheint, und dieser trachtet nun danach die ganze bisher nicht von ihm abgegebene Liebe in die Malerei zu versenken, vorzugsweise in Bilder von Äpfeln.
Cézanne starb an einer Erkältung, die er sich, auf freiem Feld malend, bei einem Gewitter zugezogen hatte.
Wir haben es bei den Händen wie bei den Äpfeln also mit zwei Varianten manieristischer Kunst zu tun – nicht interessiert an schlichten, oder soll man sagen einleuchtenden Entwicklungsprozessen.
Damit mein Vortrag jetzt nicht kompliziert wird, sondern nur wirr bleibt, hänge ich jetzt eine lose Folge von Bildgeschichten an, in denen Hände und Äpfel eine gewichtige Rolle spielen, die also geeignet sind diese beiden Bestandteile, die in dieser Ausstellung auf sonderbare Weise zusammengekommen sind, zu betrachten.
Denn im Grunde ist es ganz einfach: Hände greifen nach Äpfeln, ob sie am Baum hängen oder im Supermarkt liegen, es ist ein sehr einfaches aber weit verbreitetes Vorgehen.
Da wäre zunächst der Sündenfall und die Erschaffung Adams.
Auf Michelangelos Bild „Die Erschaffung Adams“ sehen wir einen nackten Mann mit deutlich ausgeprägtem Adamsapfel. Michelangelo hält sich damit nicht an die korrekte Reihenfolge, denn bei seiner Erschaffung hatte Adam noch keinen Adamsapfel. Den hat sich der gute Mann erst später zugezogen. Und zwar kurz vor dem Rausschmiss aus dem Paradies, in Begleitung und nach Aufforderung von Eva die ihm eben den Apfel vom Baum der Erkenntnis reichte, der ihm wenig später im Hals stecken blieb.
Jeder Adamsapfel erinnert also bis auf den heutigen Tag an den Sündenfall, ist sozusagen eine letzte Korrektur Gottes bei der Erschaffung und Ausgestaltung des Menschengeschlechts, vielleicht eine Art kecke Signatur.
Menschheitsgeschichtlich früher als die biblische Geschichte sind auch Höhlenmalereien von Händen mit gespreizten Fingern aktenkundig. Rund 40.000 Jahre sind diese Handabdrücke alt, auch diese sind vermutlich Signaturen.
Ob es sich bei der verbotenen Frucht im Paradies überhaupt um einen Apfel gehandelt hat wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Das tut aber nichts zur Sache, da sich für die Malereigeschichte der Apfel als Motiv durchgesetzt hat.
Der Aufbau dieser Frucht hat Paracelsus zu einer Analogiebildung von Apfel Mensch und Universum angeregt, was wiederum Rudolf Steiner dankbar aufgenommen hat, wie auch viele andere Pädagogen, weshalb vermutlich diese Frucht in jedem gottverdammten Kinderbuch vorkommt. Von der „Raupe Nimmersatt“ bis zu „Schneewittchen“, bei der sich übrigens Adams Problem, also die Sache mit dem Verschlucken an der verbotenen Frucht wiederholt.
Auf sehr vielen Darstellungen der Maria mit dem Jesusknaben, hält der Säugling einen Apfel in der Hand. Ein gutes Zeichen dafür, dass dieser Knabe die Erbsünde für die gläubigen Christen, aber auch für alle anderen, Überwinden wird.
Dann gibt es noch (ich wechsel jetzt mal die Weltanschauung) die Geschichte mit dem Paris-Urteil. Und die soll den Begriff des „Zankapfels“ in Umlauf gebracht haben. Die Geschichte spielte sich ab wie folgt:
Alle griechischen Götter sind bei einer Hochzeit eingeladen, ausgenommen Eris, die „Göttin der Zwietracht“. Beleidigt, wirft sie von der Tür aus einen goldenen Apfel mit der Aufschrift kallistá („Der Schönsten“, „Für die Schönste“) unter die feiernden Götter. Daraufhin kommt es zum Zank zwischen Aphrodite, Pallas Athene und Hera, wem dieser Apfel gebühre. Zeus bestimmt den sterblichen Jüngling Paris, als Schiedsrichter. Um Paris für sich zu gewinnen, versucht jede der Göttinnen, ihn zu bestechen. Hera verspricht ihm Herrschaft über die Welt, Athene verspricht Weisheit, Aphrodite bietet dem jungen Mann die Liebe der schönsten Frau der Welt. Mit dieser Belohnung kann Aphrodite das Urteil für sich entscheiden. Diese schönste Sterbliche, Helena, war jedoch bereits mit Menelaos, dem König von Sparta, verheiratet. Dieses Versprechen und der zur Erfüllung notwendige Raub der Helena soll dann der Auslöser des Trojanischen Krieges gewesen sein.
Dieser Schönheitswettbewerb der Göttinnen hat durchaus Ähnlichkeiten mit Wettbewerben heutiger Tage, und sei es dieser Singewettstreit.
Cézanne hat auch so ein „Parisurteil“ gemalt, das Bild von ihm ist aber nicht so berühmt geworden wie seine Äpfel.
In der Malereigeschichte tauchen die drei um den Apfel zankenden Damen in leichten und immer leichteren Gewändern bis zu völliger Nacktheit zur Urteilsverkündung an, so dass der Eindruck entsteht, diejenige die am wenigsten am Leib trägt bekommt den Gold-Apfel. Wie man also konstatieren kann, bestimmte Bildmotive sind vor allem interessant, weil man Nackte abbilden kann und nicht etwa weil sie so gehirnerschütternde Erkenntnis versprechen. In Goethes „Faust“, sind Äpfel ganz klar mit weiblichen Brüsten assoziiert, es heißt dort unverblümt, und die ganze Sündenfallgeschichte noch einmal neckisch zitierend:
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl ich mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.
Im „Hohen Lied“ Salomos muss der Apfelbaum mit seinen Früchten ähnlich vegetativen Bedürfnissen sekundieren.
Dann gibt es noch die Äpfel der Hesperiden, sie wurden von Herkules geklaut (eigentlich von Atlas, aber die Geschichte dauert zu lang) jedenfalls waren die Äpfel
nach kurzer Zeit wieder an ihren angestammten Platz im Garten der Hesperiden, und es waren vermutlich keine Äpfel sondern Zitrusfrüchte, jedenfalls sind sie golden, und verleihen oder verliehen den Göttern ewige Jugend.
Ewige Jugend ist natürlich sehr wichtig für den Song-Contest, und weil diese ewige Jugend eben nicht zu haben ist, möglicherweise eine der vielen Bestrafungen die wegen des unerlaubten Apfel-Essens vom Baum der Erkenntnis auch uns alle umtreibt, zwar nicht ganz so hysterisch wie auf dem Song-Contest, aber doch merklich.

Das Äpfel unbedingt immer geklaut werden müssen, also verboten sind, hallt bis heute nach in dem Refrain der Hamburger Hymne (ich kann kein Platt zitiere hier also falsch): Klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun, ruck zuck övern Zaun, Ein jeden aber kann dat nich, denn er muss aus Hamburg sein.
Ein Reichsapfel ist ein Machtinsignium und ist kurz gesprochen ein Globus mit einem Kreuz. Er wird zu feierlichen Gelegenheiten in der Hand des Herrschers herumgetragen und führt mich zu meiner letzten Assoziation.
Es ist eine der schönsten Vokabeln für die hier zu betrachtende Bildkombination von Gesten und Äpfeln, nämlich: der „Handapfel“.
Man muss sich darunter das Himmelsgewölbe, als haltende Hand Gottes vorstellen. Einen unermesslich großen, hohen und kugelrunden Handapfel eben.
Eine Vorstellung die das Pathos der Gesten auf diesen Fotos geradezu zurückhaltend erscheinen lässt.